Niklaus von Flüe: Vom Bauern zum Friedensstifter
Nur wenige Gestalten der Schweizer Geschichte haben eine so eigentümliche Doppelrolle gespielt wie Niklaus von Flüe, den die Nachwelt als Bruder Klaus kennt. Geboren wurde er 1417 im Flüeli oberhalb von Sachseln, in einer Bauernfamilie des Obwaldner Berglands. Fast fünf Jahrzehnte lebte er ein Leben, das den meisten seiner Zeitgenossen vertraut war: Er bewirtschaftete seinen Hof, tat Kriegsdienst, heiratete und wurde Vater von zehn Kindern. Erst spät vollzog er einen Bruch, der ihn zu einer der bekanntesten religiösen Figuren des ausgehenden Mittelalters machte.
Ein Leben mitten in der Welt
Bevor sich Niklaus von Flüe zurückzog, war er ein angesehener Mann seiner Talschaft. Er saß als Richter zu Gericht, wirkte als Ratsherr und trat in öffentlichen Angelegenheiten für Recht und Ausgleich ein. Zeitgenössische Berichte zeichnen das Bild eines besonnenen Bürgers, der eher zum Ausgleich neigte als zum Streit. Seine Ehe mit Dorothea Wyss gilt als glücklich, sein Hof als tüchtig geführt.
Doch hinter dem geordneten Äußeren regte sich eine Unruhe. Überlieferungen sprechen von einer wachsenden Sehnsucht, die ihn von den weltlichen Pflichten wegzog und zu einer intensiveren Nähe zu Gott drängte. Diese innere Spannung entlud sich schließlich in einem Entschluss, der in seiner Radikalität selbst Menschen befremdete, die tiefe Frömmigkeit gewohnt waren.
Der Rückzug in den Ranft
Um 1467 verließ Niklaus von Flüe mit dem Einverständnis seiner Frau Hof und Familie. Er ließ sich in einer Klause in der Ranftschlucht nahe seinem Heimatort nieder. Von dort an lebte er als Einsiedler, in großer Kargheit. Berichte aus dieser Zeit sprechen davon, dass er über viele Jahre ohne feste Nahrung auskam, ein Umstand, der schon damals für Erstaunen und für Zweifel sorgte und der bis heute nicht restlos erklärbar ist.
Der Rückzug bedeutete jedoch keine völlige Abkehr von den Menschen. Im Gegenteil suchten immer mehr Ratsuchende den Weg zu der abgelegenen Klause. Pilger, einfache Leute, aber auch Gelehrte und Politiker kamen, um mit dem Einsiedler zu sprechen. Aus dem Mann, der die Welt hinter sich gelassen hatte, wurde ein Ratgeber, dessen Wort weit über die engen Grenzen von Obwalden hinaus Gewicht bekam.
Der Rat von Stans
Am bekanntesten wurde Niklaus von Flüe durch seine Rolle im Streit der Eidgenossen von 1481. Nach den Burgunderkriegen zerstritten sich die Orte über die Aufnahme neuer Mitglieder und über die Verteilung von Kriegsbeute. In Stans drohte die junge Eidgenossenschaft auseinanderzubrechen. In dieser zugespitzten Lage soll ein Ratschlag des Einsiedlers vermittelt worden sein, überbracht durch den Pfarrer von Stans, Heimo Amgrund. Die zerstrittenen Parteien fanden daraufhin zu einer Einigung, dem sogenannten Stanser Verkommnis.
Wie genau der Beitrag des Bruders Klaus aussah, lässt sich historisch nicht in allen Einzelheiten belegen. Sicher ist, dass ihm die Überlieferung eine friedensstiftende Wirkung zuschrieb und dass sein Ansehen als moralische Instanz dabei eine Rolle spielte. Für spätere Generationen wurde er dadurch zu einer Symbolfigur des inneren Zusammenhalts, unabhängig von der Frage, welchen Anteil er im Detail hatte.
Nachwirkung
Niklaus von Flüe starb 1487 in seiner Klause. Bereits kurz nach seinem Tod verehrte man ihn als Heiligen; die offizielle Heiligsprechung erfolgte allerdings erst 1947. In der Schweiz gilt er seither als Landespatron, und sein Name wird häufig aufgerufen, wenn von Vermittlung, Neutralität und innerem Frieden die Rede ist.
Was sein Leben bis heute bemerkenswert macht, ist die Spannung, die es in sich trägt. Hier steht kein weltfremder Asket, sondern ein Mann, der die Verantwortung in Familie, Wirtschaft und Politik zunächst voll auf sich genommen hatte, ehe er einen anderen Weg wählte. Gerade weil er beide Seiten kannte, das tätige Leben und die Stille, wurde seine Stimme gehört. Sein Beispiel wirft eine Frage auf, die nichts von ihrer Aktualität verloren hat: wie sich das Bedürfnis nach innerer Sammlung mit der Pflicht gegenüber der Gemeinschaft verbinden lässt.
